
Ein npm install ersetzt kein Architektur-Verständnis. In einer Zeit, in der KI ganze React-Komponenten in Sekunden generiert, wird das tiefe Verständnis von nativem JavaScript zur echten Superkraft. Wir haben uns in einem goldenen Käfig aus Abhängigkeiten eingerichtet – doch moderne Browser machen diesen Ballast zunehmend überflüssig. Ein Plädoyer dafür, den "Fertiggericht"-Code hinter sich zu lassen und wieder wie ein Architekt zu denken.
Das Ende der "Dependency-Hölle"
Erinnern Sie sich an das Gefühl, als Sie Ihre allererste HTML-Datei im Browser geöffnet haben? Es war magisch. Sie schrieben <h1 style="color:red">Hallo Welt</h1>, luden die Seite neu, und der Text war rot. Es war direkt. Es war roh. Sie hatten die Kontrolle.
Spulen wir vor ins Jahr 2026. Heute beginnt ein "Hallo Welt" oft mit npm init, gefolgt von der Installation von 400 Megabyte an Abhängigkeiten, einem Build-Step, der fünf Sekunden dauert, und einer Konfigurationsdatei, die komplexer ist als der Code selbst. Wir haben uns einen goldenen Käfig aus Frameworks gebaut. React, Vue, Svelte, Angular – sie alle haben ihre Berechtigung, keine Frage. Aber in den letzten zehn Jahren haben wir etwas Entscheidendes verlernt: Das Kochen mit frischen Zutaten.
Wir sind zu einer Generation von Entwicklern geworden, die Fertiggerichte in die Mikrowelle schieben und sich Chefkoch nennen. Doch im Jahr 2026, in dem KI den Routine-Code schreibt, reicht das nicht mehr. Wer heute Architektur verstehen will, muss zurück zu "Vanilla".
Warum Frameworks zur Krücke wurden
Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe Frameworks für Enterprise-Applikationen. Wenn Sie das nächste Spotify oder Facebook bauen, brauchen Sie das State-Management und das Virtual DOM (auch wenn das 2026 kaum noch nötig ist).

Aber seien wir ehrlich: Für 80 % der Webseiten – Marketing-Pages, Blogs, Unternehmensportfolios – war der Einsatz von schweren JavaScript-Bibliotheken schon immer, als würde man mit einem Sattelschlepper zum Brötchenholen fahren.
Das Problem ist die Abstraktions-Schicht. Jedes Framework legt eine Decke über die eigentliche Browser-Technologie. Wenn etwas kaputtgeht, debuggen Sie nicht Ihren Code, sondern den Code des Frameworks. Sie kämpfen gegen Version-Konflikte und "Breaking Changes".
Ich erinnere mich an ein Projekt im letzten Jahr: Ein einfaches Kontaktformular funktionierte nicht mehr, weil ein Update in einer Unter-Unter-Bibliothek (Dependency of a Dependency) die Art und Weise veränderte, wie Events gefeuert wurden. Ich verbrachte vier Stunden damit, die package.json zu fixen. In Vanilla JS wären es drei Zeilen Code gewesen. Drei.
Der Browser ist das Framework (2026 Edition)
Das Argument "Aber Vanilla JS ist zu kompliziert" gilt heute nicht mehr. Die Web-Standards haben aufgeholt. Was wir früher mühsam mit jQuery oder Lodash lösen mussten, ist heute nativ im Browser verankert.

Sehen wir uns die Realität der Web-APIs im Jahr 2026 an:
State Management ohne Redux: Mit der nativen Signals API (die mittlerweile in allen Evergreen-Browsern Standard ist) können wir Reaktivität erzeugen, ohne auch nur ein Byte Bibliothek herunterzuladen.
CSS ist mächtig geworden: Erinnern Sie sich an die Zeit, als wir JavaScript brauchten, um Elemente basierend auf der Container-Größe zu stylen? CSS Container Queries haben das komplett eliminiert.
Web Components: Wir können wiederverwendbare Komponenten (
<mein-button>) bauen, die überall funktionieren – egal ob später React, Vue oder gar nichts drumherum läuft.
Ein Beispiel aus der Praxis
Nehmen wir an, wir wollen ein einfaches Accordion (aufklappbarer Text) bauen.
Der Framework-Weg (Mentaler Overhead): Sie müssen eine Komponente erstellen, einen State für isOpen definieren, einen Click-Handler binden, conditional rendering für den Inhalt schreiben und sicherstellen, dass das CSS-Modul korrekt importiert wird.
Der Vanilla-Weg 2026 (Eleganz): Wir nutzen das native HTML-Element <details> und <summary>.
HTML
<details class="meine-akkordeon-box">
<summary>Warum Vanilla JS lernen?</summary>
<div class="inhalt">
Weil es Sie zu einem besseren Architekten macht.
Sie verstehen, wie der Browser rendert, nicht wie das Framework rendert.
</div>
</details>
Kein JavaScript. Kein State. Volle Barrierefreiheit (Accessibility) ab Werk. Der Browser erledigt die Arbeit für uns. Das ist Green IT in Reinform: Weniger CPU-Zyklen beim Client, weniger Energieverbrauch.
Vom Konsumenten zum Architekten
Hier liegt der Kern meiner These für Entwickler im Jahr 2026: KI-Assistenten wie Copilot können Framework-Code schreiben. Sie sind exzellent darin, Boilerplate-Code für React-Komponenten zu generieren. Das ist keine Kunst mehr.
Die Kunst – und damit Ihr Wert als Senior Developer – liegt im Verständnis der Fundamente. Wenn Sie wissen, wie der Critical Rendering Path des Browsers funktioniert, können Sie Performance-Probleme lösen, an denen Framework-Nutzer verzweifeln. Wenn Sie Vanilla CSS beherrschen, sind Sie nicht auf Bootstrap oder Tailwind angewiesen, um ein Design umzusetzen.
Es ist wie in der Architektur: Ein Fertighaus aufzustellen geht schnell. Aber wenn der Boden absackt, brauchen Sie jemanden, der etwas von Statik, Beton und Fundamenten versteht. Vanilla JS ist dieses Fundament.
Zusammenfassung
Die Mischung macht das Gift Sollten Sie morgen alle Ihre Frameworks deinstallieren? Natürlich nicht. Aber ich fordere Sie heraus: Starten Sie Ihr nächstes Projekt "nackt". Nutzen Sie keine Build-Tools. Schreiben Sie HTML, CSS und JS in separate Dateien. Spüren Sie den Schmerz, wenn Sie DOM-Manipulationen manuell machen müssen – und dann spüren Sie die Befreiung, wenn Sie merken, wie unfassbar schnell Ihre Seite lädt. Lernen Sie Frameworks, um im Job produktiv zu sein. Aber lernen Sie Vanilla, um den Job zu verstehen.